Im wilden Kurdistan
März 25, 2008 von hannelore32
Die erste Überraschung. Das Flugzeug von Frankfurt in die kurdische Hauptstadt Erbil ist voll mit deutschen Geschäftsleuten. Beim Wiederaufbau des Nordiraks lässt sich anscheinend einiges verdienen.
Die zweite Überraschung: Der Nordirak ist sicher, zumindest weitgehend. Wir übernachten in kleinen Bergdörfern im kurdisch-türkischen Grenzgebiet, fahren durch wüstenähnliche Landschaften nach Sulamania, das sich in den letzten Jahren von einem Provinzstädtchen in eine quirlige Millionenstadt verwandelt hat, besuchen Flüchtlingscamps, drehen bei der kurdischen Sicherheitstruppe den Peschmergas, besuchen einfache Stadtviertel. Nirgendwo fühlen wir uns unsicher, selbst wenn wir Nachts mit einem Taxi durch die kaum beleuchteten Straßen der Hauptstadt Erbil irren, auf der Suche nach einem noch geöffneten Restaurant. Der Irak versinkt in Chaos, aber die autonome kurdische Republik im Norden des Zweistromlandes wirkt wie eine Insel des Friedens.
Dritte Überraschung: Kurdistan ist so schön und wild – wie es oft besungen wird. Unvergesslich der Blick von der Passhöhe auf den Dukan-Stausee. Unwirklich das leuchtende, fast schon schmerzende Blau.
Dickste Überraschung: In den beiden größten Städten Erbil und Sulamania wird gebaut, was das Zeug hält. Hotels, gigantische Einkaufszentren, Luxusvillen und Dutzende von teuren Neubausiedlungen werden aus dem Boden gestampft. Aber die Bevölkerung ist arm. Es gibt keine Fabriken. Die Landwirtschaft ist längst ruiniert. 90 Prozent aller Waren, ja der Grundnahrungsmittel, müssen importiert werden. Wie geht das mit dem Bauboom zusammen? Antwort: Korruption. Sie ist allgegenwärtig. Die autonome Republik Kurdistan ist in Machtsphären aufgeteilt. Zwei Familien teilen den Reichtum unter sich auf. Zwei Groß-Familien beherrschen Politik und Wirtschaft. Es sind die Familien des kurdischen Präsidenten Barzani und des gesamtirakischen Präsidenten Talabani, ebenfalls ein Kurde. Wer nicht zum Familienclan gehört, hat keine Chance im Nordirak Geld zu verdienen oder in die Politik einzusteigen.
Kurdistan ist keine Demokratie. Es ist eine feudale Clangesellschaft, beherrscht von zwei Großfamilien. Daran hat auch keine (halbherzige) Nachhilfe der US-Amerikaner in Sachen Demokratie etwas ändern können.
Eine kleine Geschichte am Rande: Kurdistan ist eine Männergesellschaft. Die Frauen sind zwar deutlich in der Überzahl, aber man sieht sie nur auf dem Markt. In Lokalen, Bars, Restaurants, Hotelfoyers: Fehlanzeige. Frauen werden verheiratet. Sie suchen sich keinen Mann. Und wenn doch, ist das außerordentlich schwierig. Nasrim verriet uns einen Trick: Einfach blind eine Handynummer anrufen. Meldet sich eine männliche Stimme und ist die auch noch sympathisch, lässt sich vielleicht ein Blind-Date arrangieren. Auch so ist schon manche Ehe entstanden, ganz heimlich im wilden Kurdistan.
Autor: Stefan Rocker
Eine Antwort hinterlassen
Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.





